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Lionsrock: Zweite und dritte Woche

In der zweiten und dritten Woche kommt langsam aber sicher Routine auf. Das heisst aber auf keinen Fall, dass es nicht trotzdem interessant ist – oder vielleicht gerade deswegen!

So langsam aber sicher läuft hier in Lionsrock für mich vieles routinemässig. Ich drehe jeden Morgen (mit Ausnahme des Freitags, an welchem ich bei der Fütterung mithelfe) eine grosse Runde zu den Tieren. Es ist interessant, wie die meisten Tiere rasch an mich und meine Stimme gewohnt sind, und einen nicht mehr scheu aus dem Unterholz beäugen, sondern gleich zum Vorschein kommen.

Interessant ist vor allem auch, wie sich die Leoparden mir gegenüber Verhalten. Das Leoparden-Weibchen „Tulani“ wurde von Hand aufgezogen und ist sich Menschen gewohnt. Sie kommt jedes Mal zum Vorschein, ruft man nach ihr. Sie lässt sich sogar durch das Gittertor hindurch streicheln. Ganz anders verhält sich das Leoparden-Männchen „Mike“. Mike wurde als „Problemtier“ in der Wildnis gefangen. Um ihn vor dem Tod zu retten, wurde er in Lionsrock angesiedelt. Dementsprechend scheu ist er den Menschen gegenüber. Erstaunlicherweise aber finde ich irgendwie den Draht zu Mike. Er lässt sich zwar nicht gleich wie Tulani mit Streicheleinheiten verwöhnen, doch immerhin kommt auch er regelmässig zum Vorschein, folgt mir am Zaun entlang und scheint mich sogar zum Spielen aufzufordern. Und nicht nur das, er kommt auch ganz nahe an das Gittertor heran, „begrüsst“ mich dann aber mit einem Fauchen, mit Drohgebärden und ab und zu einem Prankenhieb gegen das Gittertor in meine Richtung. Angesichts der Tatsache, dass Mike sonst kaum zu sehen ist, deute ich das trotzdem als „freundschaftliche Geste“.

Es gibt auch immer wieder Tiere, welche besondere Beobachtung benötigen. So ist mir zu Beginn der zweiten Woche aufgefallen, dass das Löwen-Männchen „Saba“ üble Schrammen am Bauch hat, welche entzündet und eiterig aussehen. Es gelingt mir, als Saba auf dem Rücken liegt, ein Foto zu machen und es den verantwortlichen Personen in Lionsrock zu zeigen. Die Verletzungen haben jetzt zweierlei Folgen: einerseits wird mit dem Tierarzt mithilfe der Fotos abgeklärt, ob eine Behandlung notwendig ist, andererseits wollen wir natürlich herausfinden, ob Streitigkeiten innerhalb des Rudels auftreten. Letzteres könnte schlussendlich heissen, eines oder mehrere Tiere aus der Gruppe zu isolieren und einem separaten Gehege zu halten. Was ist der Grund, dass solche Streitigkeiten erst mit der Zeit auftreten, frage ich mich. Der Grund dazu ist allerdings sehr trivial wie einleuchtend: In Zoos, Zirkus und ähnlichen Orten leben die Tiere auf so engem Raum zusammen, dass sie gar nicht die Möglichkeit haben, Hierarchien zu bilden. Sie können sich meistens so gut wie nicht aus dem Weg gehen. Hier in Lionsrock haben die Tiere Gehege von mehreren Hektaren Fläche. Erst mit der Zeit und nachdem sich die Tiere gut eingelebt haben, wird die Rangordnung her- oder umgestellt.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Rudel, in welchem Saba lebt, um eine Gruppe von Tieren, die noch nicht allzu lange in Lionsrock lebt. Mit Hilfe von täglichen, mehrstündigen Beobachtungen sowie mit einer Fotofalle, welche durch Bewegungen ausgelöst wird, versuchen wir einen möglichen Konflikt zwischen Individuen des Rudels zu erkennen. Obwohl gegen Ende der zweiten Woche ein Löwen-Weibchen frische Wunden auf der Schulter aufweist, können wir keine Aggressionen oder Konflikte erkennen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter zu beobachten und zu hoffen, den Grund der Verletzungen irgendwann zu erkennen.

Zu Beginn der dritten Woche kommt der Tierarzt trotzdem auf einen Besuch in Lionsrock vorbei – einerseits, um die Wunden von Saba zu untersuchen, andererseits um der weissen Löwin „Nyanga“ eine eingewachsene Kralle zurückzuschneiden. Damit die Tiere überhaupt behandelt werden können, müssen sie im Fall von Saba isoliert und anschliessend betäubt werden. Sabas Wunden erweisen sich glücklicherweise als nicht sehr schlimm, und um eine Entzündung der tiefsten Schramme zu behandeln, werden ihm Antibiotika gespritzt. Die Kralle von Nyanga zurückzuschneiden ist in kürzester Zeit erledigt. Das grössere Problem ist, Nyanga überhaupt ins Land der Träume zu schicken. Erst nach einer zweiten Dosis Betäubungsmittel und nachdem sie den halben Elektrozaun (natürlich ohne Strom) demoliert hat, können wir uns der Raubkatze gefahrenlos nähern. Zu allem Übel regnet es noch wie aus Kübeln und die Temperaturen fallen unter 10 Grad. Trotzdem, auch dieser Eingriff verläuft schlussendlich problemlos und zur Zufriedenheit aller.

Bereits habe ich mehr als die Hälfte meiner Zeit in Lionsrock schon verbracht. Standen zu Beginn vor allem die Begegnungen mit den Tieren im Vordergrund, erkennt man mit der Zeit die eigentliche Arbeit, und diese ist nicht minder interessant! Am schönste ist für mich aber, dass sich hier wirklich alles um die Tiere und um deren Wohl dreht.

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